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Schuld und Sühne

Auch die Jungfrau haut ihr Kind

Die Kurzgeschichte Schuld und Sühne

von Slawomir Mrozek Ein besonders kreativer Schutzengel begleitet die Kindheit eines Jungen.

Ein stilles, lila Kinderzimmer. Im Bettchen schläft ruhig ein kleiner Junge, der sein Abendgebet nicht verrichtet hat. Daneben steht mit schamrotem, hinter der Hand verdecktem Gesicht ratlos der Schutzengel.

Auch die Jungfrau haut ihr KindDer Bub war wieder den ganzen Tag über von einem Bösen zum nächsten geplantscht. Er hatte Konfitüre genascht, einen Buckel gemacht, nicht aufgepasst und war gerannt. Vergeblich hatte der Engel ihn mit einem flehentlichen Wehen seiner Flügel umgeben, ihm Hinweise für ein rechtschaffenes und reines Leben zugeflüstert. Von einem Buckelmachen zum nächsten, von Rennen zu Rennen, vom zerschlagenen Knie zur zerrissenen Hose war der kleine Unglücksrabe immer tiefer gesunken. Nichts konnte ihn zurückhalten, weder die Erinnerung daran, dass sein Vater nichts dergleichen tue, noch die Berufung auf Piotr Pokrowski, den jungen Helden und Heiligen, noch das Summen religiöser Lieder, noch das Hinabstürzen des im ganzen Stadtviertel bekannten Buckligen in einen Abgrund, damit dem Kleinen das schlechte Beispiel aus den Augen käme.

Ohnmächtig stand der Schutzengel da. Die seinesgleichen zugänglichen Mittel hatte er erschöpft. Güte, Süßigkeit, milde Überredung, Besänftigung … all das nützte nichts. Unerschüttert in seiner Verwerflichkeit, in seinem Hochmut, lag der Kleine da, war taub für die Stimme des Guten, hatte sein Abendgebet nicht verrichtet und sich beim Einschlafen sicherlich vorgestellt, welche Buckel er morgen machen werde.

Im Engel gewann plötzlich die Erbitterung die Überhand. Sollte das Gute in all seiner sanften Majestät nichts zu bedeuten haben gegenüber dem Eigenwillen eines kleinen Burschen? Die Verehrung des Guten verband der Engel mit einem gewaltigen Abscheu vor dem Bösen. Es kam der Augenblick, da das kleine Herz des dienenden Geistes stärker für die gute Sache schlug als das weite Herz des Guten selbst. Aus Liebe zum Recht wollte er das Recht brechen; dies sollte sein Opfer sein.

Er nahm seine Hand vom Gesicht, schlich leise zum Bett und gab dem Buben eine kräftige Maulschelle. Der sprang erschrocken hoch. Unter dem Eindruck des Schlages sprach er schnell sein Abendgebet, murmelte etwas Unverständliches, legte sich nieder und schlief wieder ein. Zitternd vor Erregung und Freude blickte der Engel lange in die Nacht hinaus.

Frisch und jung kam der Morgen. Während des Schlafes hatte sich in dem Kleinen die Erinnerung an den gestrigen Abend verwischt. Beim Frühstück wollte er wie üblich seine Milch nicht trinken. Von der Milch wurde ihm immer schlecht. Da spürte er einen harten Tritt. Er kapierte und trank still seine Milch aus.

Er verabschiedete sich von seiner Mutter und begab sich zur Schule. Artig ging er über die Straße, blieb nirgendwo stehen, sah sich nicht um. Er war auf der Hut, aber er war sich seiner Sache noch nicht sicher. Als er sich allein in einer leeren Allee befand, schaute er sich vorsichtig um und machte dann ganz schnell einen Buckel. Unverzüglich rief ihn eine kräftige Kopfnuss zur Ordnung. Es gab keinen Zweifel mehr: sein Schutzengel haute ihn.

Der gute Geist fand Geschmack an der neuen Methode. Ihn blendete die Leichtigkeit, mit der er jetzt alles erreichen konnte, was früher trotz eines großen Aufwandes an gutem Willen und Geduld undenkbar war. Bald schon merkte er, dass sich diese Methode durch die entsprechende Spezialisierung der Hiebe bedeutend vervollkommnen ließ. Dabei empfand er eine ähnliche Freude wie ein frommer Organist, wenn er geschickt die richtigen Tasten erwischt. So gab es also für Tellernichtleeressen einen Tiefschlag, für Buckelmachen eine Kopfnuss, für Einschlafen ohne Abendgebet eine Maulschelle, für Rennen und Inschweißgeraten einen rechten Haken, für Plantschen in Pfützen einen linken Haken, für Lärmen, während Papa arbeitet, einen Tritt …

Mit dieser Methode brachte er es zu ausgezeichneten Erfolgen. Jetzt musste der Schutzengel an den Abenden schon nicht mehr gedemütigt in der Ecke stehen und sein Gesicht in den Händen verbergen. Im Gegenteil, er setzte sich bequem hin und überwachte, während er sich die rechte Hand massierte (Fragmentbedingung), zufrieden das brav und flüssig gesprochene Abendgebet.

Manchmal wurde es ihm sogar langweilig, dann achtete er doppelt wachsam auf alles, was der Bub tat, und passte auf eine Gelegenheit, um diesem durch einen kunstgerechten Hieb die Überlegenheit des Guten über das Böse zu beweisen.

Manchmal kam es sogar vor, dass der Junge, auch wenn er gar nichts angestellt hatte, einen kräftigen Schlag verspürte. Dann schlug ihn der Engel, um nicht aus der Übung zu kommen und für alle Fälle.

Der Bub veränderte sich sehr zu seinem Vorteil. Er rannte nicht mehr, machte keinen Buckel, lärmte nicht, verrichtete seine täglichen Gebete, aß seinen Teller leer. Auch äußerlich veränderte er sich. Infolge der reichlichen Mahlzeiten und des übermäßigen Milchgenusses – sobald seine Eltern nämlich sahen, dass er das ganze Glas austrank, glaubten sie, er möge jetzt Milch, und gossen ihm unaufhörlich nach – wurde er dick und blass. Nachdem er alle Verbrechen des kindlichen Alters aus sich ausgetrieben hatte, verfügte er jetzt über viel freie Zeit und lernte es, seine Kräfte für sein Innenleben zu verwenden. Er wurde immer ernster, beobachtete seine Umgebung und beschäftigte sich schließlich mit Chemie. Wenn er fett und ruhig, geheimnisvoll in sich selbst verschlossen, auf einer Bank im Park saß und nicht einmal den Versuch unternahm herumzurennen, weil er wusste, dass er sofort einen schmerzhaften Haken bekäme, beugte er sich, während die anderen Kinder im Grase Fangen spielten, über sein Lehrbuch und drang immer tiefer in die Welt der Moleküle ein. Ein hartnäckiger, tief verborgener Gedanke durchpflügte seine kindliche Stirn.

Man fing an, ihn für ein Wunderkind zu halten, und alle waren mit ihm höchst zufrieden. Er aber arbeitete mit Ausdauer. Sein Vater hatte ihm eine kleine Werkstätte eingerichtet und ließ ihm bescheidene Mittel zukommen.
So verging die Zeit. Eines Nachts erhob sich eine gewaltige Feuersäule über der Stadt, und ein mächtiger Krach erschütterte die Umgebung. Durch eine bewundernswert geschickt, wenn auch dilettantisch gebaute Bombe mit hausgemachtem Dynamit gesprengt, flog das Elternhaus unseres Kleinen in die Luft. Der Bub lief bereits über die Felder; er hatte einen vorher schon gepackten Rucksack mit Lebensmitteln, Geld und einer Schiffskarte nach Südamerika auf dem Rücken. Ihm nach raste der Schutzengel, um ihm einen doppelseitigen Haken zu verpassen.

 

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